Predigtreihe zum Reformationsjubiläum
15. Oktober 2017:
Reformation und Kunst
Sophie Denkeler, Theologin,
Mitarbeiterin im Zwischenhalt-Team

Liebe Gemeinde,

Ich habe drei Bilder von Kunstwerken herausgesucht.

Ich möchte mit dem ältesten Werk anfangen.


Lukas Cranach (Werkstatt): Gesetz und Gnade -
Die Rechtfertigung des Sünders, um 1535


Das erste Bild ist 500 Jahre alt und wurde von Luthers gutem Freund Lucas Cranach gefertigt. Wir haben ja schon Bilder von Cranach beim Interview gesehen. Vor 500 Jahren war es ja üblich, sich der Bildkunst zu bedienen, um Menschen zu unterhalten und vor allem um sie zu belehren. Schließlich konnten viele Menschen zur Zeit Luthers nicht lesen.

Dabei haben Cranach und seine Werkstatt die reformatorischen Kerngedanken Luthers in vielen Lehrbildern klar, aussagekräftig und recht plakativ umgesetzt und bildlich gestaltet. Luther sagte einmal: „Weißes erkennt man besser, wenn man Schwarzes dagegen hält.“ Das trifft auch auf dieses Bild von Cranach zu. Er hat es in vielen Varianten gemalt, dies wurde wohl um 1530 auf Buchenholz gemalt, ist ca. 70 x 70 cm groß und heißt „Gesetz und Gnade – Die Rechtfertigung des Sünders“.

Dieses reformatorische Lehrbild hat zwei Seiten, die antithetisch zueinander aufgebaut sind: Die linke Seite zeigt die schwarze, bedrohliche Seite: Wo das Gesetz gilt, herrscht Sünde und Tod. Die rechte Seite stellt dagegen die weiße, verheißungsvolle Seite dar: Mit dem Kreuz wird Tod und Teufel überwunden. Die linke Seite zeigt den alttestamentlichen Alten Bund, die rechte Seite den Neuen Bund des Neuen Testaments.

Schauen wir uns zunächst die linke Seite etwas genauer an: Wir sehen im Vordergrund die Not und die Bedrohungen des Sünders. Er wird vom Teufel und dem Tod gequält, zum Fegefeuer gedrängt und hebt die Arme hilfesuchend zum Himmel. Das Gesetz, dargestellt durch die Gesetzestafeln der 10 Gebote, kann er nicht erfüllen. Die Sünde kommt durch Adam und Eva in die Welt, wir sehen sie im Hintergrund auf der linken Seite beim Baum der Erkenntnis, dem Ort der Versuchung: die Schlange schlängelt sich um den Baum. Ganz oben thront Jesus auf der Wolke, die Engel kündigen mit ihren Posaunen das Endgericht an. Das dürre Geäst an der linken Seite unserer Bildhälfte verdeutlicht nochmals den Tod und die Aussichtslosigkeit des Menschen, sich aus seiner Not zu befreien.

Hingegen erklärt die rechte Seite die reformatorische Erkenntnis: Das grüne Laub symbolisiert Leben, die neue Zeit, den Neuen Bund. Johannes der Täufer vorn auf der rechten Seite dieser Bildhälfte verweist auf den Gekreuzigten und lehrt den Sünder, dass man nur dem gekreuzigten Christus vertrauen müsse. Denn Christus habe sich für die Sünde der Welt geopfert, dargestellt durch das Opferlamm im Bildvordergrund, Tod und Teufel seien durch Tod und Auferstehung Christi überwunden. Wir sehen in der rechten, vorderen Seite das leere, offene Grab, aus dem Christus erstanden ist, und dass er Tod und Teufel besiegt. Gottes Gnade und Liebe, die dem Sünder allein Erlösung schenken, wird also auf der rechten Seite dargestellt. Dass Gott allein beschützt und erlöst, wird auch durch die biblische Geschichte von der ehernen Schlange, die wir im Hintergrund auf dieser Bildhälfte sehen können, verdeutlicht. Damals wurden die Juden nur beschützt, wenn sie diese eherne Schlange am Kreuz ansahen.

Das Werk lehrt: Keine Werke des Gesetzes können dich vor Gott gerecht sprechen, das kann allein Gott durch Jesu Christi Tod. Das war für die Menschen zur Zeit Luthers eine unglaubliche Befreiung: kein Ablass, kein Pilgern, kein Fasten und derlei seien nötig, um in den Himmel zu kommen. Du musst nur auf Christus vertrauen und an ihn glauben, dann wird Gott dich retten. Gott ist kein strafender Richtergott, der die Menschen nach ihren Taten beurteilt! Er ist ein barmherziger Gott, der die Menschen liebt und sie durch Christi Opfer erlöst.

Cranachs Kunst hat dazu beigetragen, dass die Menschen vor 500 Jahren die reformatorischen Gedanken verstanden haben.

Aber spricht uns das heute noch an? Sagt uns heute diese Opfertheologie noch so viel? Ist das für dich heute eine befreiende Botschaft, wenn ich dir sage, dass du nicht in das Fegefeuer kommst nach deinem Tod, sondern in den Himmel, weil Jesus sich für dich am Kreuz geopfert hat?

Ich komme jetzt zu dem zweiten Bild, was ich mitgebracht habe.

Liu Rouwang: Wolvesarecoming

Es ist eine Installation eines chinesischen Künstlers. Sie zeigt eine riesige Menge von großen und gefährlichen Wölfen, die ihre blutigen Mäuler weit aufreißen und scheinbar zu allem entschlossen sind. Bedrohlich nah umringen diese unheimlichen Wölfe Jesus. Als Betrachter darf man sich zwischen diese brutalen Wölfe stellen. Mich haben diese Wölfe fasziniert und schockiert. Für mich stehen sie für all das, was uns in der Welt Entsetzen verursacht: Terror, Gewalt und Hass, aber auch Armut, Hunger und Elend; auch für Politiker, die mit nuklearen Angriffen drohen, ebenso für Menschen, die rechts- oder linksradikal sind; und auch für Naturkatastrophen und persönliche Krisen, wie Krankheit oder Arbeitslosigkeit. Diese Bedrohungen, symbolisiert durch die Wölfe, kommen auf den toten Jesus zu, der von seiner Mutter gehalten wird.

Ich frage mich, ob der tote Jesus diesen Bedrohungen standhalten kann. Kann dieser tote Jesus etwas gegen unsere Bedrohungen ausrichten, kann er uns vor diesen Gefahren beschützen, retten und erlösen? Ich habe nicht mehr – wie die Menschen zur Zeit Luthers – Angst vor dem Fegefeuer nach dem Tod und vor einem richtenden Gott, der meine Taten hier auf Erden kontrolliert. Ich habe andere Ängste und fürchte mich vor anderen Bedrohungen. Damals befreite die Botschaft von Gottes Gnade durch Jesu Opfer, dargestellt durch Cranachs erklärende Lehrbilder, die Menschen von ihren Ängsten. Und heute?

Wie müsste die reformatorische Botschaft von Gottes Liebe heute künstlerisch umgesetzt werden, damit sie uns aus unseren Ängsten und Bedrohungen befreien und uns beleben könnte?

Ich glaube, dass wir heute eher emotional ergriffen werden müssen, um die befreiende Botschaft von Gottes Liebe zu spüren. Sie muss uns nicht so sehr erklärt werden, wie damals zu Luthers Zeit, sie muss uns berühren. Dazu ist die Kunst ein gutes Mittel. Der amerikanische Installationskünstler Bill Viola hat für mich die reformatorische Botschaft von Gottes Liebe auf mystische und emotionale Ebene dargestellt. Ich habe die Installation letzten Monat in den Deichtorhallen in Hamburg gesehen. Sie hat mich berührt und ich möchte sie ihnen gern in Kurzform als Video zeigen:

Bill Viola – Installationen: Tristan’s Ascension
Klick auf das Bild startet Video


Da ist ein Mensch zu sehen. Er scheint tot zu sein. Er ist zumindest zum Erliegen gekommen, vielleicht ist er auch nur mut- und kraftlos oder allein. Vielleicht kann er einfach nicht mehr und fürchtet sich in dieser Welt umringt von Bedrohungen und Ängsten. Das sehe ich alles in diesem liegenden Menschen.

Aber Tropfen für Tropfen sammelt sich Wasser, gleich einem Strom. Er fließt von unten nach oben und Kraft dieses lebendigen Wassers verändert sich der Mensch und wird befähigt sich zu erheben und aufzustehen. Er wird verändert, er wird aufgerichtet, frei, bereit für Neues.

Diese Installation weckt eine Sehnsucht in mir. Sie thematisiert für mich das religiöse Bedürfnis, dass das Leben gewinnen will über den Tod. Dass es eine Kraft gibt, die, weil sie nicht aus mir selbst herauskommt, mich aufhebt, mich geborgen hält, mich zusammenhält.

Und das ist doch der Kern der reformatorischen Lehre: Dass ich durch die Kraft der Liebe gerettet und befreit werde. Dass ich nicht von meinen Ängsten erdrückt werde und mich von Wölfen umzingeln lasse, sondern dass ich durch die Liebe Gottes befreit werde aufzustehen und die Welt so verändere.

Amen.