St. Paulus

„Wir wollen echt und schön schaffen“

Wussten Sie schon, dass den Buchholzern die Pläne für den Bau der St. Paulus-Kirche von dem damals bekanntesten norddeutschen Kirchenarchitekten geschenkt wurden?

Conrad Wilhelm Hase wurde am 2. Oktober 1818 in Einbeck geboren. Er studierte Baukunst in Hannover, machte eine Maurerlehre und begann ein Studium an der Kunst-Akademie in München. Fast 35 Jahre lang war er Konsistorialbaumeister. In den 55 Jahren seiner Tätigkeit als Baumeister hat er 215 Projekte entworfen und ausgeführt, davon über 100 Kirchenneubauten. Seine Hauptwerke sind die Christus- und die Apostelkirche in Hannover, die Bahnhöfe in Lehrte, Celle und Wunstorf und das Schloss Marienburg. Hase hatte in Hannover einen eigenen Baustil entwickelt, „die Architektur der Hannoversche Schule“, eine ortstypische Variante der Neugotik, die damals in der europäischen Baukunst weithin bekannt war und als Lebenswerk Hases bezeichnet werden kann. Vor allem in seinen zahlreichen Kirchenbauten und Renovierungen setzte Hase mit seiner Bauweise Maßstäbe für die damalige Architektur. Im Hannoverschen und norddeutschen Raum war der Kirchenbau sogar darüber hinaus bis zur Jahrhundertwende den Kirchenbauprinzipien Hases unterworfen.

Hase hatte ein stark ausgeprägtes Heimatgefühl, das sich auch in seiner Bautätigkeit bemerkbar machte. Er liebte die Besonderheiten Niedersachsens und war bestrebt, auf die örtlichen Baugepflogenheiten einzugehen. Hase bekämpfte die Unsitte seiner Zeit, einem Bauwerk oder Kunstwerk ein fremdes oder gar fremdländisches Gewand vorzuhängen. Er verlangte, dass jede Form aus der inneren Aufgabe des Gegenstandes, aus dem Material, aus der Umgebung und aus der heimischen Überlieferung und Volksanschauung erwachsen müsse. „Wir wollen echt und schön schaffen.“ Seine im Harz gebauten Kirchen sind sämtlich aus Hausteinen, während die im nördlichen Niedersachsen errichteten Bauten aus Backstein gemauert sind.

Der wichtigste Lehrsatz in Hases Theorie lautete: „Wahrheit in der Kunst!“ Material, Konstruktion und Funktion müssen der Architektur des Bauwerkes gerecht werden. Für Hase und seine Schüler bedeutet dies, dass unverputztes Mauerwerk, massive Steingewölbe und –pfeiler, einfache, unverhüllte Zimmermanns- und Schreinerkonstruktionen und Schmiedearbeiten die Idealkomponenten eines Gebäudes darstellen. Dagegen galten Gips und Stuck, Furniere, Außenputz und deckende Farbanstriche als „erlogen“ und „falsch“. Alles sollte klar erkennbar sein, um die „Wahrheit in der Kunst“ zum Ausdruck zu bringen; kein tragender Pfeiler oder Dachbalken sollte versteckt oder kaschiert werden. Jedes Bauteil in der Kirche sollte sichtbar bleiben. Die Seitenwände und Gewölbeflächen durften eine Ausnahme bilden und zum Zwecke von Wandmalereien verputzt wurden. Die Materialien, aus denen die einzelnen Bauteile oder Möblierungen der Kirche hergestellt wurden, sollten erkennbar sein und miteinander harmonieren. Roter Ziegelstein, dekorative, aber nicht aufdringliche Wandmalereien, einfarbige oder zu Mustern angeordnete Bodenfliesen, Naturstein im Übergang von Kirchenschiff zu Chorraum und natürlich viel Holz für Möblierung und Innenausstattung bildeten die wichtigsten Materialien, die alle zusammenpassten und im Vergleich zu Stuck und Blattgold tatsächlich den Eindruck von Wahrheit, Unerfülltheit und Ehrlichkeit ausstrahlten.

Bemerkenswert ist auch die Position der Kanzel, denn ganz bewusst sollte sie nicht im Mittelpunkt des Gottesdienstes stehen. Der Altar bleibt der Mittelpunkt, denn er symbolisiert den Gedanken an Gott. Der Pastor auf der Kanzel soll diesen Gedanken in Worte fassen. Hase hatte sich damals vehement für diese Lage der Kanzel ausgesprochen und sogar diverse Schriftstücke verfasst. Die Sakralarchitektur war also für ihn weit mehr als eine Bauaufgabe, hierin brachte er seine Weltauffassung und Religion zum Ausdruck.

 

Ursula Weber